Wo geht's lang?
Die Welt ist komplex, schnell - und alle sind ratlos. Bis auf einen. Das ist der Coach. Er hat die Lösungen, kennt die Wege und bringt Managern Kung Fu oder das richtige Atmen bei. Oder wie man in der Wildnis und im Büro überlebt. Tobias Moorstedt über eine seltsame Branche, die von der Angst wie von der Zuversicht lebt.
von Tobias Moorstedt
Um die Erde zu retten oder wenigstens den eigenen Job, muss man keine Weltformel erdenken und auch keine Börsentransaktionssteuer einführen, es genügt, einfach mal kurz die Luft anzuhalten, 60 Sekunden lang, 100 Sekunden, 150, volle drei Minuten. 'Denk einfach an etwas Schönes', sagt Christian Redl, 'an eine Sommerwiese oder den Strand aus dem letzten Urlaub.' Redl, ein sehniger und braun gebrannter Mann, steht bis zur Hüfte in einem Schwimmbecken in Wien und beobachtet seinen Schüler, der den Kopf unter Wasser hält, seit 60 Sekunden schon, 70, 80, Hinterkopf und Rücken zittern vor Anstrengung. 'Keine Angst', sagt Redl, und legt ihm mit mildem Lächeln die Hand auf den Rücken, 'das ist nur der Atemreiz, das Zwerchfell, du bist nicht in Gefahr.' Christian Redl aus Wien, 36 Jahre, Ruhepuls 45, sieben Liter Lungenvolumen, ist einer der besten Freitaucher der Welt. Der Extremsportler kann siebeneinhalb Minuten unter Wasser bleiben und ohne Flossen und Außenbordmotor mehr als 150 Meter weit tauchen. Redl bietet neben seinem Training auch Seminare und Einzelunterricht für Manager an. Dabei verrät er mentale Tricks - 'ich gehe vor dem Ernstfall den Tauchgang in Gedanken immer schon einmal durch'. Und er arbeitet im Schwimmbad auch an der Atmungstechnik. Eine gute Atmung, sagt Redl, 'kann das Leben verändern. Man kann Nervosität und Anspannung wegschnaufen'. Das moderne Wirtschaftsleben, sagt der Taucher, habe eine große Ähnlichkeit mit der Situation in mehr als 100 Meter Tiefe, da ist Druck, Isolation, Gefahr, da braucht man 'Coolness und große psychische Stabilität'.
Christian Redl ist Teil einer schnell wachsenden und sich immer weiter ausdifferenzierenden Industrie. Es geht um die Branche der Motivationstrainer und Coaches, die Managern und normalen Menschen dabei helfen sollen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und die Komplexität der Welt zu ertragen. Die wenigsten Coaches sind Extremsportler wie Christian Redl, die angepriesene Dienstleistung jedoch ist immer die gleiche: die Überwindung von eigenen Grenzen, ein neues, besseres, bewussteres Leben. Ein Coach, sagt zum Beispiel Jürgen Schüppel, Betriebswirt und Psychologe, der die Münchner Firma 'Change Factory' gegründet hat, vermittelt keine To-do-Listen und Rezepte, sondern helfe seinem Klienten dabei, die Gedanken zu ordnen und neue Perspektiven aufzuzeigen: 'Wir befreien die Menschen aus ihrem geschlossenen Denkschlauch.'
In nur wenigen Jahren ist der Coach zum festen Teil des Wirtschaftspersonals geworden, genau wie der Controller und der Computerfrickler, ein Spezialist mit umgrenztem Aufgabengebiet, der effizienten Ausbeutung der Human Resources und Optimierung der Team-Kommunikation. Mehr als 40000 Coaches bieten im deutschsprachigen Raum ihre Dienste an. Laut einer Umfrage der Düsseldorfer Personalberatung Lachner Aden Beyer & Company haben sich 55 Prozent der Manager in den vergangenen fünf Jahren coachen lassen. Große Konzerne unterhalten bereits eigene 'Coaching Pools', in denen sich die Führungskräfte erfrischen dürfen. Und die Volkswagen AG hat gar ein eigenes Tochterunternehmen gegründet, die VW Coaching GmbH, und lockt: 'Öffnen Sie neue Türen!' - im Kopf, nicht am Auto. 'Coaches und Berater', hat auch Jörg Fellermann von der Deutschen Gesellschaft für Supervision festgestellt, werden nicht nur in Unternehmen und großen Institutionen beschäftigt, sondern zunehmend auch 'für ganz normale Alltagsdinge bemüht, bei denen man früher vielleicht die Oma oder den netten Herrn Nachbarn gefragt hätte'. Im Internet, dem Branchenbuch der Welt, ergibt die Suche nach 'Coach' mehr als 152 Millionen Treffer, es gibt Coaches für Zeitmanagement, Personal Trainer, die mit ihren Kunden durch den Park laufen und einen Ernährungsplan an die Kühlschränke heften, Dating- Doktoren, Shopping Coaches, spezialisierte Berater für Garten, Wohnzimmer sowie das Innenleben der domestizierten Fauna und Flora. Jörg Fellermann sagt: 'Die Gesellschaft scheint mir ein wenig ratlos zu sein.'
Auch auf dem TV-Bildschirm hat der Coach eine enorme Präsenz erlangt: Der Düsseldorfer Psychologe Harry Siegmund zum Beispiel ist der Star der SWR-Dokumentation 'Die Seelenflüsterer - Turbocoaching gegen Stress und Angst'. Ein SWR-Kamerateam begleitete den großen, gemütlichen Mann mit der tiefen, vibrierenden Stimme vor einiger Zeit bei der Arbeit: Ein achtjähriger Junge mit Aufmerksamkeitsstörung kann sich nach nur einer Sitzung bei dem Seelenflüsterer plötzlich wieder konzentrieren. Eine Abiturientin verliert die Angst vor der öffentlichen Rede. Ein Rentner besiegt die Zahnarzt-Phobie und lernt wieder zu lächeln. Der 'Seelenflüsterer' und 'Turbo-Coach' erscheint als sozialkompetenter Schamane und mentaler Magier, was er den Leuten aber genau ins Ohr flüstert, wird in der Sendung nicht wirklich klar. Die Methoden von Harry Siegmund, suggeriert die öffentlich- rechtliche Doku-Soap, lösen psychische Blockaden und klären Dysfunktionalitäten, wirken gegen Krisen, Karrieresackgassen und den Knacks in der Seele.
Harry Siegmund ist nur einer von vielen helfenden Helden, die zurzeit im deutschen Fernsehen aktiv sind. Die Super- Nanny rettet Familien vor sich selbst. Der Restaurant-Tester macht eine Currywurst-Bude zum Szenelokal, der Schulden-Berater zeichnet dem Familienvater mit buntem Textmarker den Weg aus dem dunklen Kreditloch. Der Erfolg des so genannten Helptainments, hat eine Untersuchung der Universität Wien heraus gefunden, beruht dabei nicht auf dem Voyeurismus der Zuschauer, die sich am Unglück der Protagonisten erfreuen, sondern auf einem tatsächlich vorhandenen Informationsbedürfnis: Ernährung, Karriere, Finanzwesen, Partnersuche, Familienorganisation - was kann ich besser machen? Wie hole ich mehr aus mir raus?
TV-Helden sahen früher anders aus: Ärzte im weißen Kittel und vollem Haar entschlüsselten mit scharfem Blick noch die rätselhaftesten Symptome und befreiten die Patienten von ihren Leiden. Einsame Polizisten hielten das Böse mit einer Walther PPK und coolen Sprüchen in Schach. Heute aber wenden sich die Menschen im Fernsehen nicht an klassische Experten wie den Cop oder den Doc, sondern an den Coach. Die Helptainment- Sendungen wirken wie eine Product- Placement-Aktion der Coaching-Branche, ein endloser Werbeblock zur besten Sendezeit, ihre Attraktivität erklärt sich auch dadurch, dass sich die Menschen nicht länger nur vor seltenen Tropenkrankheiten oder der osteuropäischen Mafia fürchten. Die größte Bedrohung des 21. Jahrhunderts sind unsere eigenen Ängste und Unsicherheiten.
Der moderne Mensch, Publikum und Protagonist der Helptainement-Sendungen zugleich, steckt in einer verzwickten Lage. Die Arbeitswelt wird nicht nur täglich komplexer, die rasend schnelle technische Evolution lässt erlernte Fähigkeiten auch immer schneller veralten. Beinahe täglich verändert sich das Organigramm, das uns die Position in Konzern und Kosmos anzeigt, verrutschen die Linien, Diagramme und Zugangscodes, wechseln Titel, Kollegen, Vorgesetzte. Kein Wunder, dass Soziologen den modernen Arbeitnehmer in dramatischen Worten als 'getriebenen Menschen' (Richard Sennett) oder 'erschöpftes Selbst' (Alain Ehrenberg) beschreiben. Unsicherheit und Verwirrung herrschen nicht nur im Büro, sondern auch im Alltag und im Privatleben: Konventionen und Kasten-Systeme haben den Menschen früher die Position in der Gesellschaft zugewiesen, machten klar, wie man sich zu kleiden hatte und wer mit welchen Worten die Balz eröffnete. Heute steht man sich sprach- und hilflos gegenüber (aber es gibt ja den Dating Coach). Die Motivationsparole 'DU kannst alles erreichen' ist eine versteckte Drohung: 'Wenn DU es nicht schaffst, ist es DEINE Schuld.'
Die israelische Soziologin Eva Illouz beschreibt in ihrem Buch 'Die Errettung der modernen Seele', wie Psychologen in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts - übrigens mitten in der ersten Weltwirtschaftskrise, einer Zeit der großen Unsicherheit - zum ersten Mal mit ihren Fragebögen und den randlosen Brillen in Fabriken und Führungsetagen auftauchten. Plötzlich mussten Manager nicht nur Tonnen und Arbeitsstunden in Listen verwalten, sondern wurden auch danach bewertet, ob sie 'die richtige Persönlichkeit haben'. 'Der Homo oeconomicus', so Illouz, habe sich 'in einen Homo communicans verwandelt, der die Welt und seine Gefühle reflexiv überwacht, sein Selbstbild kontrolliert und den Perspektiven der anderen Anerkennung zollt.' Coaching und Management-Ratgeber vermitteln diese emotional-strategische Kompetenz, eine eigenartige Mischung aus Eigennutz und Empathie, aus Konzentration auf sich selbst und Manipulation anderer, die notwendig scheint, um im unübersichtlichen Terrain der Gegenwart zu navigieren.
Der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl ist Autor des Standardwerks zur 'personenbezogenen Beratung in Organisationen' und glaubt: 'Es ist unmöglich, den Effekt von Coaching zu messen.' Kühl hat sich in den vergangenen Jahren bei vielen Interviews mit Coaches unendlich viele Erfolgsstorys anhören müssen. Aber es ist die Aufgabe der empirischen Sozialwissenschaft, das menschliche Verhalten in Zahlen und Kategorien zu zerlegen - und wenn Kühl auf seine Ergebnisse blickt, dann kann er nicht erkennen, dass Coaching große Auswirkungen auf Prozesse und Personen habe. 'Organisationen lassen sich mit einem Federstrich ändern. Die Resistenz von Erwachsenen, sich verändern zu lassen, ist dagegen sehr ausgeprägt', sagt Kühl, und meint damit: Der Mensch bleibt ein träges Wesen, auch wenn auf Plakaten und in Broschüren die permanente Revolution als Überlebensprinzip gefeiert wird. Kühl bezweifelt nicht, 'dass die Coaching-Sitzungen inspirierend und erhellend sein können', aber in der Realität falle man meist in die Routine zurück. Wenn es so einfach wäre, sich zu ändern, und Gewohnheiten abzulegen, warum gibt es dann diese Unzahl an Diät-Ratgebern? Der Jojo-Effekt wirkt auch im Büro.
Coaching, betont die Szene gerne, sei das englische Wort für Kutsche. Die Dienstleistung soll ein Vehikel sein, das den Menschen nach vorne bringt. Das Problem: Die Ego-Verkehrsmittel werden mit ganz unterschiedlichen Technologien und Brennstoffen angetrieben. Und einen TÜV gibt es auch nicht. Stattdessen unzählige Methoden und Ansätze, gruppendynamisches Training, neurolinguistische Programmierung, Verhaltenstherapie und Theaterpädagogik, seriöse und gut ausgebildete Angebote teilen sich den Markt mit billigem Online-Coaching. 'Der heterogene Markt ist Ausdruck eines Mangels an professionellen Standards', sagt Kühl. Coach ist keine geschützte Berufsbezeichnung wie Arzt oder Anwalt, es gibt keine einheitliche Ausbildung. 'Jeder kann machen, was er will.' Die Branche, in Deutschland sind mehr als 300 Coaching-Schulen und mehr als 20 Berufsvereinigungen aktiv, erinnert an die absurd atomisierte Welt des Profi-Boxens, wo es für einen Außenstehenden kaum möglich ist zu bestimmen, wer Champ ist, und wer Aufschneider. Aber selbst ausbleibender Erfolg bedroht das Coachen nicht, eine gescheiterte Diät ist ja auch kein Grund, generell am Sinn von Diäten zu zweifeln, sondern dient als Rechtfertigung, um sich nun einem neuen Nahrungsregime zu unterwerfen. Und so, wie die Schlankheitsprogramme immer absurder werden, exotisiert sich auch der Beratungsmarkt.
In einem Kloster in der Schweiz tritt regelmäßig der Shaolin-Mönch Shi Yan Bao in orangenen Tüchern auf und bringt Konzernleitern ein bisschen Kung Fu bei: 'Um die Kampfkunst zu perfektionieren', lernt man dort, 'muss man Raum und Ruhe haben und ein Feld-Bewusstsein entwickeln', ein Denken, das über die individuellen Ziele und Werte hinaussehen kann und das System und den Kontext integriere. Die moderne, globalisierte Wirtschaft wird bei Shi Yan Bao zu einer Schlacht oder einer Kneipenprügelei, mit vielen Akteuren, Stoßrichtungen und Gefahren. Die Schüler von Yan Bao sind es gewohnt, Befehle zu geben, aber hier sitzen sie brav zu den Füßen des Meisters, und hören sich Anekdoten an, die so beginnen: 'Ein Lehrer und sein Schüler kommen an einen reißenden Fluss...'
Yan Bao ist nicht der einzige Ausnahmekönner, der Managern und Arbeitnehmer im Fach Höchstleistungen unterrichtet. Der Extrembergsteiger Thomas Bubendorfer hält Vorträge mit Titeln wie 'Die Qualität des nächsten Schrittes'. Der Ex-Fifa-Schiedsrichter Markus Merk spricht über peripheres Sehen und Sekundenentscheidungen. Und Christian Redl geht tauchen.
Auch im Zeitalter der flachen Hierarchien, schreibt Peter Sloterdijk in 'Du musst Dein Leben ändern', sind die Leitbilder unserer Gesellschaft die Helden, Heiligen und Athleten, die 'noch etwas von der Aura ihrer Vorgänger in sich tragen, den Wundermännern archaischer Zeiten, den Zauberern und magischen Diplomaten, die mit den Kräften und Dämonen verhandeln', und uns das Gefühl vermitteln, die 'Übersetzung des Unwahrscheinlichen und Unwiederholbaren ins Wahrscheinliche und Wiederholbare' sei eine reale Möglichkeit. Gerade weil ein Angestellter im mittleren Management erlebt, dass er zwar kein Zahnrad in der Maschine ist, wohl aber ein Software- Schnipsel, den man kopieren oder gleich in den Papierkorb verschieben kann, träumt er von den Fähigkeiten eines Kung-Fu-Mönchs, agil und flexibel, ausgestattet mit tödlichen Waffen.
Hier sieht der Soziologe Kühl die eigentliche Funktion des Coaching: Früher gab es den verständnisvollen Chef, die Vaterfigur, der einem Sicherheit gegeben und Identität gestützt hat, heute dient das Coaching als Ventil für Frustrationen und Unsicherheiten. Der Coach Jürgen Schüppel scheint das zu bestätigen. 'Da tut es doch gut', sagt er, 'wenn man mal jemandem erzählen kann, wie kompliziert die Welt ist.' Der Coach gibt keine konkreten Handlungsanweisungen, sondern streichelt die gestresste Seele. Coaching ist Wellness fürs Gehirn.
Die Branche erwartet durch die Dauer-Krise übrigens einen Boom. Es gibt viel zu tun. Die Belastungsfähigkeit und Effizienz der Arbeitnehmer muss optimiert, der kollektive Burn-Out abgewehrt werden. Die einzigen Reformen, welche die gegenwärtige Systemkrise auszulösen scheint, sind individuell-interne Anpassungsprozesse der Arbeitnehmer. Zu komplex erscheinen die globalen Netzwerke von Finanzmarkt und Produktionsstraßen, als dass man sie neu programmieren könnte.
Das Einzige, was man noch verändern kann, ist man selbst.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.156, Samstag, den 10. Juli 2010 , Seite 67